Ich sitze grad in einem kleinen Apartment, allein, weil ich mich dazu entschieden habe, ein paar Tage ganz für mich zu sein. Zum Durchatmen und Kopf sortieren.
Heute ist Tag zwei. Ich habe gearbeitet, dann war ich einkaufen und habe wieder gearbeitet. Als ich meinen Laptop zugeklappt habe, dachte ich mir: “Hm, und jetzt?”.
Es ist sowas von ungewohnt an einem Ort zu sein, an dem ich einfach nichts zu tun habe oder anders gesagt, nichts tun muss und wieder anders gesagt, ich nichts mit mir anzufangen weiß. Also dachte ich mir jetzt: ok, dann mach doch einfach mal nichts. Ich habe mich also auf einen Stuhl gesetzt und nichts getan. Also wirklich gar nichts.
Wie sich nichts tun in den ersten 10 Minuten anfühlte
Ich habe mich nicht groß umgeschaut, habe nicht aus dem Fenster geschaut, habe mich nicht hingelegt und die Augen geschlossen, um kurz weg zu dösen – ich saß einfach da. Auf diesem Stuhl. Jetzt denkst du: ja und, weiter?! Dann kann ich dir nur sagen, probiere es mal aus!
Die ersten 10 Minuten war ich maximal unruhig und nervös. Ich wollte mich unbedingt mit irgendetwas beschäftigen: Ich möchte den TV einschalten. Ich könnte ein Buch lesen. Doch wenigstens die Nachbarn könnte ich beobachten. Die Einrichtung anschauen geht doch klar. Oh da steht etwas zu Essen, das könnte ich jetzt auch essen. Selbst nach Gedanken habe ich gesucht, mit denen ich mich beschäftigen könnte! Kurz gesagt: Ich konnte diesen Zustand kaum ertragen und habe mich unglaublich nutzlos gefühlt.
Doch trotzdem habe ich mir all das kurzerhand für mein ungewolltes Experiment verboten.
Einfach da sitzen, aufs Bett schauen, oder die Wand anschauen – der Blick kann auch wandern, aber an nichts haften. Und bis zu dem Moment dachte ich, dass ich das sehr gut kann, nichts zu tun. Ich meine, immerhin kann ich auch ewig am Meer sitzen und nichts tun oder in der Sauna sein und nichts tun. Aber eben habe ich realisiert, dass ich dort eben doch etwas tue, ich doch einen Auftrag habe und mein Gehirn mit unterschiedlichen Eindrücken beschäftigt wird.
Die Wendung
Da saß ich nun also, auf meinem Stuhl. Nach ungefähr 10 Minuten habe ich mich langsam mit meiner Situation abgefunden.
Und plötzlich habe ich gemerkt, wie müde ich eigentlich bin. Ja klar, ich habe auch ultra schlecht geschlafen letzte Nacht und den ganzen Tag gearbeitet. Ich habe gemerkt, dass ich total Sodbrennen habe, weil ich den ganzen Tag nur Mist gegessen habe (dachte aber vor 5 Minuten noch, dass ich ja gerne das Essen in mich reinschaufeln würde, das noch auf dem Herd steht). Ich habe gemerkt, wie dolle mein Kiefer und mein Nacken eigentlich angespannt sind und meine ganze Kopfhaut schmerzte irgendwie auch von meinem straff gebundenen Zopf. Der Lüfter im Badezimmer machte ein furchtbar nervtötendes Geräusch, als hätte man einen Tinnitus im Ohr (dieses nervige Geräusch ist logischerweise schon den ganzen Tag in meinem Ohr!).
Nach 25 Minuten habe ich es nicht mehr mit mir allein ausgehalten und habe meinen Laptop aufgeklappt, um diesen Artikel zu schreiben.
Wie kann nichts tun nur so schwer und gleichzeitig so wichtig sein?
Wie verrückt ist es bitte, dass man all das überhaupt nicht spürt und wahrnimmt, wenn man in seinem alltäglichen Gewusel ist? Und nicht nur, dass ich dadurch gemerkt habe, dass mein Körper gar nicht so gut drauf ist wie ich dachte. Wie kann es insgesamt sein, dass ich mir so schwer damit tue, einfach mal wirklich nichts zu tun? Wieso fühle ich mich direkt nutzlos und kann gar nicht zur Ruhe kommen?
Oft genug habe ich das Gefühl, dass mir alles zu hektisch, chaotisch und einfach zu viel ist im Alltag. Aber mit dem Kontrastprogramm kann ich scheinbar auch nicht gut umgehen. Und noch besser, ich dachte ja immer, dass ich mir auch mal Auszeiten gönne und ja, wahrscheinlich ist es zum täglichen Wahnsinn auch eine Auszeit, wenn ich in der Sauna liege, spazieren gehe oder am Meer sitze. Trotzdem tue ich dann nicht nichts.
Auszeiten und ja auch Langweilige sind so wichtig für das Gehirn. Ich weiß, dass es bspw. die Selbstreflexionsfähigkeit fördert, bei der Verarbeitung von Erlebtem hilft und vor allem auch die Kreativität fördert. Und das Allerwichtigste, genau diese Phasen sind entscheidend dafür, Stress abzubauen und die inneren Batterien wieder aufzuladen.
Und obwohl ich das weiß und mir durchaus darüber bewusst bin, wie wichtig diese Phasen sind, drehe ich fast durch, wenn ich die Zeit habe, dem auch mal Raum zu geben.
Tschüss Hektik, Hallo Ruhe
Wir Leben in einer Zeit, in einer Gesellschaft und auch in einem Alltag, in dem ständige Beschallung – egal ob durch Social Media, Filme, Serien, Podcasts, Radio, Musik, Bücher, Gespräche, Menschen, Werbung usw. – und auch Beschäftigung, also immer etwas tun zu müssen so normal geworden sind, dass wir mit wirklicher Ruhe gar nicht mehr umgehen können, zumindest ich scheinbar nicht.
Obwohl ich sie so dringend brauche – das ist das verrückte an der Geschichte. Ich merke, dass ich mich daran erst wieder richtig gewöhnen muss. Mit mir alleine zu sein, ohne äußere Reize, einfach nur bei mir, mit meinem Körper. Und mich dabei trotzdem ruhig, ausgeglichen und vorallem wohl fühlen darf.
Diese Erkenntnisse kamen jetzt so ungewollt und unverhofft, dass sie mich geflasht haben und ich sie teilen wollte. Wenn du absolut nicht verstehen kannst, von was ich da eigentlich rede, kann ich dir nur empfehlen, es selbst mal auszuprobieren und ich freue mich, wenn du deine Erfahrung mit mir teilen möchtest. Vielleicht ging es dir ja genauso wie mir oder eventuell auch ganz anders – so oder so, ich würde mich freuen, von dir zu hören. 🙂

Kommentar
Ich hab es ausprobiert. Es fiel mir gar nicht so schwer, wie ich anfangs dachte. Vielleicht lag es aber daran, dass ich ein Kaffee in der Hand hatte. Wäre gerne noch länger in meiner Gedankenwelt geblieben, aber der Wecker schreit nach Organisation, denn meine Kinder fahren auf Ski-Fahrt.
Meine Erfahrungen: Meine Gedanken springen von einem Thema zu nächsten und ab und zu kullern mir die Tränen, allerdings weiß ich nicht wieso – Dankbarkeit, Trauer, und ganz viele Fragezeichen.
Tolle Übung, um evtl. neue Erkenntnisse für sich selbst zu schaffen. Danke 🤗