“Mein Ziel ist es, die beste Version von mir selbst zu werden.” – Diesen Satz habe ich in den letzten Jahren so oft von unterschiedlichsten Menschen, in Social Media, in Podcasts oder Büchern gehört bzw. gelesen. Und in mir löst das genau einen Gedanken aus: Leistung!
Witzigerweise, während ich diese ersten zwei Sätze geschrieben habe, kam mir der Gedanke, dass andere das ja vielleicht komplett anders interpretieren. Aber da wir hier bei “Vanessa’s Welt” sind, teile ich jetzt trotzdem mal meine Gedanken dazu mit euch. 🙂
Was „die beste Version zu sein“ für mich bedeutet
Ich bringe diesen Satz mit Folgendem in Verbindung: besser werden, weiterentwickeln, Gas geben, nicht stehen bleiben, neues Lernen, Horizont erweitern, Komfortzone verlassen, “Schwächen” ausmerzen – und noch vieles mehr in diese Richtung.
Ich nehme unsere Gesellschaft als sehr leistungsorientiert wahr. Einen vollen Terminkalender zu haben und “gestresst” zu sein ist heute Mainstream. Etwas, wofür man Anerkennung bekommt.
Morgens direkt zum Sport, nach Hause und kurz klar Schiff machen, auf dem Weg zur Arbeit Coffee to go, die Tagesnews lesen, man will ja up to date sein und weiter ins Büro.
Dort am besten 10 Stunden arbeiten – immerhin musst du schon die Extrameile gehen, wenn du beruflich etwas erreichen willst und bitte nicht vergessen auch mal deine Komfortzone zu verlassen, du willst dich ja schließlich weiterentwickeln – in der Mittagspause Essen Gehen und Kollegen-Beziehungen pflegen.
Auf dem Weg zurück zum Arbeitsplatz noch schnell die privaten WhatsApp-Nachrichten beantworten, immerhin erwarten Menschen in der heutigen Zeit schnelle Antworten, dann noch kurz Social Media checken – und wie soll es anders sein: alle an den schönsten Orten der Welt unterwegs, in Top-Form, den angesagtesten Outfits, “völlig bei sich”, mit bester Laune, denn sie müssen ja Leben, als wäre heute der letzte Tag und natürlich in der besten Version ihrer selbst – und zurück an den Schreibtisch.
Nach der Arbeit mit Freunden zum Essen treffen, danach nach Hause noch kurz die Wäsche aufhängen, die man morgens in die Waschmaschine gesteckt hat, schnell noch ein Tutorial schauen oder ein “Growth-Mindset”-Buch lesen, danach eine Runde meditieren, um runter zu kommen, Skin-Care-Routine nicht vergessen, bevor man ins Bett geht, immerhin wollen wir ja auch alle blendend und vor allem ewig jung aussehen – und ab ins Bett.
Und das ist nur eine Facette von so vielen, wie sich Leistung und “das Beste aus dem Leben machen” meiner Meinung nach in unserer Gesellschaft zeigt. Genauso hat diese ganze Bewegung, die dazu dienen soll, mehr bei sich zu sein, positiv zu denken, das Leben zu führen, welches man wirklich führen möchte, etwas mit ständiger Selbstoptimierung und Leistung zu tun – zumindest nehme ich es im Moment so wahr.
Ich möchte hier auch gar nicht urteilen, weil sicherlich gibt es Menschen, für die genau das wirklich erstrebenswert ist. Ich bin auch Teil beider Bubbles, aber ich merke, dass ich das alles nicht mehr hören kann.
Warum ich lieber ich selbst, statt meine beste Version sein möchte
Ich durfte mich in den letzten Monaten sehr intensiv mit mir beschäftigen. Altes zulassen, Gegenwärtiges verstehen, mich besser kennenlernen. Sicherlich spielt auch meine neue Erkenntnis des hochsensiblen Menschen mit rein, dass ich immer mehr spüre, dass ich nicht Teil von diesen leistungs- und erwartungsgetriebenen Welten sein will, weil ich es auch nicht sein kann. Weil es mich unzufrieden macht, mich ausbrennt.
Ich möchte vielleicht ein Wochenende lang mal gar nichts machen, nur auf der Couch vor Netflix abhängen oder lesen. Ich möchte nicht jeden Tag sehen, welche schlimmen Dinge auf der Welt abgehen. Ich möchte mich nicht ständig mit den politischen Problemen von Deutschland auseinandersetzen. Ich bin vielleicht aktuell einfach nicht in der Stimmung meine Komfortzone zu verlassen. Ich möchte nicht jeden Tag etwas Neues lernen. Ich will mich auch nicht ständig selbst reflektieren, um mit den Erkenntnissen dann eine noch bessere Version von mir zu sein. Ich will nicht die neusten Social Media Trends kennen. Ich will auch nicht ständig erreichbar sein. Ich will nicht immer alles nur positiv sehen, weil es das eben nun mal nicht ist und ich kann auch nicht jeden Tag so leben, als wäre morgen mein Letzter, weil ich eben gewisse Verantwortungen habe im Leben.
Doch oft habe ich das Gefühl, dass diese Ansprüche gepaart mit #thinkpositive einfach gefragt, normal und selbstverständlich sind. Aber das ist doch nicht das Leben – zumindest nicht das, was ich will!
Und ja, ich schreibe jetzt so, als hätte ich das alles hinter mir gelassen, aber nein, ich hadere jeden Tag mit mir aus diesem Modus raus zu kommen, diesem (für mich) irren Anspruch nicht mehr gerecht zu werden.
Das Schlimme ist ja, dass wenn man so etwas sagt, es direkt gleichgesetzt wird mit: die hat keine Ambition, die ist faul, die will sich nicht entwickeln, die ist nicht motiviert, die ist labil usw.
Aber nein, Freunde der Sonne, so ist das ganz und gar nicht. Ich möchte nur zu meinem eigenen Wohl verstehen und verinnerlichen, dass ich nicht auf dieser Welt bin, um mich permanent zu optimieren, sondern um zu leben!
Was „Leben“ für mich bedeutet
Und da haben wir es. Leben definiert jeder für sich sicherlich anders. Für viele bedeutet Leben ganz sicher: höher, schneller, weiter.
Für mich bedeutet Leben aber das genaue Gegenteil: Ruhe, Achtsamkeit, Zeit in der Natur, Zeit für echte, authentische, tiefe Verbindung/Beziehungen, Zeit nur für mich alleine, Zeit für ehrliche Kreativität, Zeit für gutes Essen, Zeit für tiefgründige Gespräche, Zeit für Bewegung, Zeit für Lesen, Zeit für Spiritualität, Meditieren, Zeit zu Genießen, Zeit Neues auszuprobieren und ja auch neues zu Lernen.
Aber Leben bedeutet auch Höhen, Tiefen, Freude, Traurigkeit, Leichtigkeit, Schwere, verletzt sein, heilen, connecten, loslassen (müssen).
Aber eben nicht um die beste Version von mir selbst zu sein, sondern um einfach ganz stinknormal ich sein zu können. Den Dingen nachgehen zu können, die mich bewegen, beschäftigen und interessieren. Oder eben auch mal gar nichts nachzugehen und einfach nur faul rumzuhängen.
Durch die Auseinandersetzung mit der Hochsensibilität, durfte ich verstehen, warum ich vielleicht häufiger Ruhepausen und Rückzug brauche, als die restlichen 80% auf dieser Welt, die keine hochsensible Persönlichkeitsausprägung haben. Sicherlich liegt es aber auch nicht nur daran – ich mag eben auch so sein.
Unsinn machen, lachen, fühlen – ohne Grund
Die Welt ist laut und schnell und voll – voll von allem. Das ist ok und schön, aber da will ich nicht mehr mitmachen. Ich brauche meine kleine Insel, in der Echtheit, Verbundenheit und Wachstum gedeihen dürfen. Das klingt jetzt zwar richtig abgedreht, aber so ist es eben. Ich will nicht die “beste Version von mir” sein! Ich will einfach authentisch und zufrieden sein. Es gibt so viele Attribute, die ich der Version zuordnen möchte, die ich jetzt bin und in der Zukunft sein möchte, aber “beste” gehört tatsächlich nicht dazu.
Ich wünschte, ich könnte etwas anderes sagen, aber ich lasse mich sehr häufig (noch) hetzen, antreiben und stressen: Von der Welt, der (digitalen) Gesellschaft, von den Erwartungen anderer und meinen eigenen.
Ich habe im Laufe meiner letzten Monate ein kleines Manifest über mich selbst geschrieben, in dem ich immer mal wieder lese, um mich daran zu erinnern, wer ich in dieser lauten Welt wirklich sein will, was mir Energie gibt, wovon ich Abstand halten sollte und einiges mehr – heute Morgen habe ich wieder darin gelesen und der folgende Satz hat mich berührt und auch zu diesem Artikel inspiriert:
Dein Leichtigkeits-Mantra:
Ich bin nicht hier, um mich zu optimieren.
Ich bin hier, um zu leben.
Und manchmal heißt das: Unsinn machen, lachen, fühlen – ohne Grund.
In diesem Sinne, danke fürs Lesen meiner Gedanken und ich hoffe, dass du einen wunderbaren Tag vor dir hast, in dem du viel Unsinn machst, lachst und fühlst – ganz ohne Grund. 😊
Wie sieht es denn bei dir aus?
Bist du mit dieser Floskel auch schon konfrontiert gewesen? Wie interpretierst du sie für dich? Ich freue mich auf deine Gedanken dazu.

Kommentar
Du sprichst mir aus der Seele, Vanessa! Es gab eine Zeit, wo ich perfekt sein wollte – also genau so, wie ich nicht bin, sondern sein sollte. Ich habe mir hohe Ziele gesetzt, die ich (merkwürdigerweise) auch erreicht habe. Am Ende des Tages ist es schön, die Ziele erreicht zu haben. Es ist schön sich weiterzuentwickeln. Es ist schön eine Richtung zu haben. Aber der Spruch „der Weg ist das Ziel“ ist gar nicht mal so blöd. Denn meistens haben mich die Erlebnisse geprägt; die Menschen um mich herum, die mich auf meinen Weg begleitet haben. Und das bis heute! Meine Arbeit macht mir Spaß, aber es sind die Kollegen, auf die ich mich morgens freue, wenn ich zur Arbeit fahre. Mein Studium war interessant, aber es sind die Kommilitonen, die zu engen Freunden wurden, mit denen ich witzige Erlebnisse hatte, tiefgründig Gespräche und tolle Verbindungen – bis in die Schulzeit zurück, hatte ich Menschen um mich herum, mit denen ich mein Leben geteilt haben. Deshalb ist „die beste Version meiner selbst“ immer ich selbst zu sein – genau so, wie ich bin – und nicht, wie ich sein sollte.